Veröffentlicht am / von VentureSax

Laut Analyse von KfW-Research sind 40 Prozent der Firmeninhaber im Mittelstand älter als 55 Jahre, in den nächsten zwei Jahren wollen aktuell 236.000 Seniorchefs ihren Betrieb übergeben. Für fast die Hälfte wird es nach Einschätzung der KfW-Experten eng, da sie sich noch gar nicht mit der Betriebsübergabe befasst haben.

Unverantwortlicher Schlendrian oder nachvollziehbares Aufschieben ungeliebter Fragen? Was das Thema Nachfolge im Mittelstand angeht, sind sich die Experten von einig: Schließlich hängen am laxen Umgang mit der eigenen Nachfolge rund zwei Millionen Erwerbstätige und knapp 90.000 Auszubildende, insofern bestehe akuter Handlungsbedarf. Von den 236.000 Seniorchefs, die in den nächsten zwei Jahren ihren Betrieb übergeben wollen, sind laut Analyse immerhin 100.000 im Verzug, da sie noch keinen Nachfolger gefunden oder sich noch gar nicht mit der Suche befasst haben.

ZÖGERN DER SENIORCHEFS GEFÄHRDET WETTBEWERBSFÄHIGKEIT 

Nach Einschätzung von KfW-Chefsvolkswirt Jörg Zeuner muss sich der deutsche Mittelstand durch den demografischen Wandel auf erhebliche Strukturveränderungen einstellen. „In den nächsten fünf Jahren ziehen sich die Chefs von 842.000 Betrieben in den Ruhestand zurück – mit oder ohne Nachfolger. Jedes fünfte mittelständische Unternehmen ist betroffen“. Wenn die Unternehmer sich zu spät oder gar nicht mit dem Fortbestand ihres Betriebs beschäftigen, besteht die Gefahr, dass Wettbewerbsfähigkeit und Unternehmenswert gleichermaßen leiden, weil notwendige Innovationen und Weiterentwicklungen nicht stattfinden. Insofern fordert Zeuner, das der Generationswechsel auch ein Top-Thema der wirtschaftspolitischen Agenda sein sollte.

DER UNTERNEHMERNACHWUCHS FEHLT – DEUTSCHLAND GEHEN DIE GRÜNDER AUS

Schließlich beansprucht eine geordnete Übergabe nach Erfahrung von KfW-Experte Zeuner in der Regel mehrere Jahre Planung – vor allem, wenn der Nachfolger nicht aus der Familie stammt. Gerade hier sieht die KfW jedoch durch die sinkenden Gründerzahlen einen größer werdenden Engpass. „Es fehlt dadurch nicht nur an ausreichend Unternehmernachwuchs in Deutschland,“ so Zeuner, „gesunken ist auch die Zahl derer, die sich an einem bestehenden Unternehmen finanziell und aktiv beteiligen.“ Daher ist es in seinen Augen eine zentrale Herausforderung, die Attraktivität des Unternehmertums wieder zu steigern und etwa Unternehmerkompetenzen über das Bildungssystem zu vermitteln.

ÜBERGABE IN DER FAMILIE BEVORZUGT

Bis 2022 wollen noch einmal 275.000 Seniorchefs ihren Betrieb übergeben. Bevorzugt wird quer durch alle Branchen- und Größenklassen die Übergabe innerhalb der Familie (54 Prozent). Einen externen Käufer können sich 42 Prozent vorstellen, nur rund jeder vierte Seniorchef kann sich einenbisherigen Mitarbeiter als Nachfolger vorstellen.

STILLLEGUNG BEI KLEINSTBETRIEBEN EINE ALTERNATIVE

Nicht jeder Unternehmenslenker mit konkreten Rückzugsgedanken hat indes vor, seinen Betrieb überhaupt fortführen zu lassen, sondern will ihn stilllegen. Aktuell planen die Inhaber von 331.000 noch aktiven Mittelständlern binnen fünf Jahren die Geschäftsaufgabe. Dabei hängt die Neigung zur Betriebsaufgabe von der Größe ab: Während nur fünf Prozent der Seniorchefs in Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern aufgeben wollen, sind es bei den Kleinstbetrieben mit weniger als fünf Beschäftigten immerhin 41 Prozent.

SCHLESWIG-HOLSTEIN HAT DIE MEISTEN ÄLTEREN FIRMENCHEFS

Nicht überall in Deutschland ist der Generationenwechsel im Mittelstand ein gleich drängendes Problem – es bestehen laut KfW überraschend große regionale Unterschiede. In Schleswig-Holstein ist bereits fast die Hälfte (46 Prozent) aller Mittelstandschefs 55 Jahre und älter, auch in Thüringen (44 Prozent) und Baden-Württemberg (41 Prozent) sind die Anteile überdurchschnittlich hoch. In diesen Bundesländern werden auch am häufigsten Nachfolger gesucht. Anders sieht die Lage etwa in Hamburg, Rheinland-Pfalz/Saarland oder Mecklenburg-Vorpommern aus: Hier gibt es mit jeweils rund 30 Prozent deutlich weniger ältere Mittelstandschefs und es stehen kurzfristig weit weniger Nachfolgen an.

IST DIE NACHFOLGE GEREGELT, WIRD WIEDER INVESTIERT

Wie die Analyse von KfW-Research zeigt, beeinflusst ein zeitnah anstehender Generationenwechsel in der Inhaberschaft, gepaart mit einem hohen Alter des Unternehmers, erheblich die Investitionsbereitschaft. Ist die Nachfolge unklar, dann bleiben vermehrt Investitionen aus. Umgekehrt stärkt eine geklärte Nachfolge die Investitionsbereitschaft auch bei hohem Inhaberalter. Am stärksten ausgeprägt ist die Wirkung bei kurzfristig anstehenden Nachfolgen binnen zwei Jahren: Wenn die Nachfolge gesichert ist, dann löst dies ein durchschnittliches Investitionsplus von 40 Prozent im Unternehmen aus.